Ich wer­de Dir Regen­trop­fen anbie­ten
Die aus einem Land stam­men
In dem es nicht reg­net.
Ich wer­de bis nach mei­nem Tod die Erde umgra­ben
Um Dei­nen Kör­per mit Gold und Licht zu bede­cken
Ich wer­de eine Hei­mat schaf­fen
In der die Lie­be regie­ren wird
In der die Lie­be Gesetz sein wird
In der Du Köni­gin sein wirst.

Jac­ques Brel | Raul Lie­ber­wirth

drüber weg

Kurz nach­dem ich mei­ne neue Stel­le ange­tre­ten hat­te, mach­te ich einen Ter­min bei mei­ner The­ra­peu­tin und erzähl­te ihr: »Es ist jetzt ein Jahr her, seit wir aus­ein­an­der sind. Ich dach­te, ein Traum­job und ein paar Fit­ness­kur­se brin­gen mich drü­ber weg, aber ich den­ke immer noch jeden Tag an ihn. Was kann ich tun um los­zu­las­sen?«

Zunächst erzähl­te sie mir eine Geschich­te von einem Mann, den sie mit Anfang zwan­zig ken­nen­ge­lernt hat­te, also vor fast fünf­zig Jah­ren, und an den sie bis heu­te den­ken muss. Dann sag­te sie: »Sie stel­len die fal­sche Fra­ge. Es geht weder ums Hin­weg­kom­men, noch ums Los­las­sen.«

Ich starr­te auf mei­ne Hän­de und über­leg­te, um was zum Teu­fel es sonst gehen soll­te.

»Es geht dar­um, zu respek­tie­ren, was pas­siert ist«, sag­te sie. »Sie sind einem Men­schen begeg­net, der etwas in Ihnen zum Leben erweckt hat. Ein Feu­er ent­facht hat. Die Arbeit besteht dar­in, dank­bar zu sein. Jeden Tag dank­bar zu sein dafür, dass jemand Ihren Weg gekreuzt und einen blei­ben­den Ein­druck in Ihnen hin­ter­las­sen hat.«

Miri­am John­son | Bart Booms

Madame n’est pas
une Fräu­lein Schulz tou­te ordinaire,
Madame sait fai­re, pour tou­tes err­eurs, sa vie...
und sonst so gut wie gar nichts.

Madame ver­spürt
ein gro­ßes Maß an »moi j’existe«...
Sie spürt nur sich,
das ist ihr ich ... und sonst,
und sonst so gut wie gar nichts.

17 Hip­pies | Anaïs Nan­ni­ni

Lie­be Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen,
es gibt ein neu­es Kurio­sum: ein Anwalt aus Bay­ern mahnt Psy­cho­the­ra­peu­ten ab, weil sie gegen die tele­fo­ni­sche Erreich­bar­keit und damit gegen die PT-Richt­li­ni­en ver­sto­ßen. Er hand­le im Auf­trag einer Psy­cho­the­ra­peu­tin aus NRW, die dadurch angeb­lich geschä­digt sei.
Er ver­langt saf­ti­ge Gebüh­ren zwi­schen 500 und 700 Euro für die Mis­se­tat.
Es schei­nen sehr vie­le Kol­le­gen betrof­fen.

PTK | Dani Alva­rez

Dass man in dem ele­gan­ten und elek­tro­ma­gne­ti­schen Geschöpf das bra­ve Tür­ken­mäd­chen, das im vier­ten Stock mit Bal­kon nach dem Hof her­aus wohn­te, nicht wie­der­erkann­te, ist so selbst­ver­ständ­lich, dass es unnö­tig scheint, es zu erwäh­nen. Alle gro­ßen Künst­le­rin­nen, Tän­ze­rin­nen, Kur­ti­sa­nen stam­men aus einem vier­ten Stock, und wenn man ihre Ver­gan­gen­heit unter die Lupe neh­men woll­te, so wür­de man ent­de­cken, dass ihre phy­si­sche Nah­rung in ori­en­ta­li­schen Sala­ten, ihre geis­ti­ge Nah­rung aus Roman­zen und Ara­bes­ken bestand und eine Zink-Sitz­wan­ne für die rei­ni­gen­de Schäl­kur des weib­li­chen Kör­pers sorg­te, der prä­de­sti­niert war für fürst­li­che Lieb­schaf­ten oder kai­ser­li­che Begier­den. Wie in jedem Auf­wär­ter einer Bier­wirt­schaft der zukünf­ti­ge Besit­zer eines Grand Hotels schlum­mert, so in jedem Mäd­chen aus dem vier­ten Stock, das Min­ze züch­tet und die Kana­ri­en­vö­gel mit fri­schem Was­ser ver­sorgt, die Mög­lich­keit einer schö­nen Şirin. In ihrem Dar­bie­ten liegt nur der Duft des Flei­sches, ein wenig wil­der Duft, nicht mehr west­eu­ro­pä­isch und noch nicht asia­tisch. An ihrer Haut haf­tet ein unbe­stimm­ter Geruch von Salz, als hät­te sie die Luft, die längs der Stein­salz­gru­ben ihrer fer­nen Hei­mat weht, ein­ge­so­gen. Kei­ne Orgi­en, bei denen der Wahn­sinn der Gif­te, der Stra­win­sky­schen Musik und der Far­ben­schmelz der Schmet­ter­lin­ge vom Ama­zo­nas­strom die Sin­ne umne­beln; nur eine laue Nackt­heit, die rei­ne Lie­be, wie eine ring­lo­se Hand, ein­fach wie auf­ge­lös­tes Haupt­haar.

Kis­sis­sip­pi / Piti­gril­li | Jes­se Free­man

le rêve du XVe

Ehe­ma­li­ge Dorf­häu­ser, ein paar Per­len aus dem Jugend­stil, vie­le cha­rak­ter­lo­se Gebäu­de der 1880er Jah­re, anony­me Häu­ser­blö­cke der Jetzt­zeit unein­heit­li­ches Gefü­ge in schach­brett­ar­ti­ger Auf­tei­lung das klein­bür­ger­lichs­te und pro­vin­zi­ells­te Vier­tel von Paris das Fund­bü­ro eine Sehens­wür­dig­keit oder die Zedern auf dem Squa­re das Künst­ler­haus die Arbei­ter­sied­lung die Apsis der Égli­se ansons­ten sind Parks das Bes­te, was man hier bau­en konn­te

Autour du Parc Geor­ges Bras­sens | Fabri­ce Denis

Herr Tan­a­ka liest Gedich­te im Café an der Ecke. Er hat sei­nen Hund ver­lo­ren. Herr Tan­a­ka liest und Jean-François sieht ihm dabei zu, die Ellen­bo­gen auf die The­ke gestützt. Sonia zün­det sich lächelnd eine Ziga­ret­te an. Eine son­der­ba­re Stil­le. Ein Hotel am Ende der Welt, eine Durch­gangs­sta­ti­on, in der alle fest­sit­zen, wie Film­dar­stel­ler vor Dreh­be­ginn.

Bru­no Lévy

sonntagsspaziergang

Nach Plä­nen des Düs­sel­dor­fer Gar­ten­ar­chi­tek­ten Fritz Roso­rious ent­stand ein weit­läu­fi­ger Stadt­park mit Park­wäch­ter­haus, zahl­reich geschwun­ge­nen Spa­zier- und Fahr­we­gen, aus­ge­dehn­ten Wald­par­ti­en, Wie­sen­flä­chen und Stadt­wald­wei­her.

unvollendet

Der Moment, spät am Abend, die Fla­sche längst leer, wenn Gedan­ken wie Stern­zei­chen ver­schwim­men, nichts als umher­trei­ben­de Erin­ne­run­gen, wäss­ri­ge Melan­cho­lie. Das Ufer ver­sinkt im Dun­kel und offen­bart die Nar­ben der Ver­gan­gen­heit. Auf sie scheint der Mond, sie erklin­gen und glit­zern zu die­ser nächt­li­chen Geschich­te. Ich schwö­re, es ist wahr. Wort für Wort, her­aus­ge­klaubt aus einem Berg aus abge­la­ger­ten Emp­fin­dun­gen.

Anam Sufi / Rádio Etiópia | NASA

Text­bot­schaf­ten anthro­po­mor­phe Objek­te Spie­ge­lun­gen Kom­mu­ni­ka­ti­on sub­til auf eine ästhe­ti­sche und sozia­le Ebe­ne trans­for­miert wird der Besu­cher dabei auch zu einem Beob­ach­ter qua­si aus­stel­lungs­im­ma­nent unwei­ger­lich selbst durch­aus als Kri­tik der Künst­ler mit unse­rer heu­ti­gen Gesell­schaft ganz neben­bei und nicht ohne Iro­nie die Samm­le­rin selbst die sam­melt und aus­stellt

Kunst am Turm

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